Was haben Museen und Unternehmen gemeinsam? Sie sammeln und kuratieren Inhalte, Wissen, Informationen zu einem bestimmten Thema. Ziel von Museen ist es, die Sammlungen angereichert mit der eigenen Expertise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ziel bei den Unternehmen ist es, diese Expertisensammlung Kunden zu verkaufen.
Die große Herausforderung für die Museen liegt darin, dass die Bilder und Objekte normalerweise zusammen an einem festen Ort ausgestellt sind. Die Besucher müssen dorthin gelockt werden. Klassischerweise konzentriert sich das Museumsmarketing vor allen Dingen auf die physische Sammlung. Auch Anzeigen und Plakatwerbung spielen noch eine große Rolle. Doch letztlich geht genau das am Ziel vorbei. Besucherzahlen sinken. Viele Museen müssen schließen.
Einige Museen gehen einen anderen Weg, und der beginnt mit einer veränderten Denkhaltung, die ihre Aktivitäten bestimmt: Sie verstehen das Kuratieren ihrer Sammlung als mehr als nur die physische Zusammenstellung von Bildern in einer Ausstellung. Sie begreifen den Raum und die Ebenen des Kuratierens über das Museumsgelände hinaus. Sie weiten herkömmliche Denkweisen in Sachen Copyright und Kunst als öffentliches Gut. Sie bringen die Inhalte dorthin, wo die Besucher sind – im Netz und auf der Straße. Sie bringen die Menschen dazu, sich dort mit dem Thema zu beschäftigen. Dann kommen die Besucher dahin, wo die Sammlung ist – ins Museum.

Vier Beispiele veranschaulichen diese Entwicklung:

(1) Rijksmuseum in Amsterdam: Hack Rembrandt

Das Rijksmuseum in Amsterdam hat einen großen Schritt getan und über 100.000 Objekte als Freeware zur Verfügung gestellt. Datamanagerin am Rijksmuseum Amsterdam, Lizzy Jongma, fordert die Kreativen offiziell auf „build something beautiful and completley different with the collection because we as a museum will never build something like that.“ Die Leute kaufen deswegen nicht weniger Bücher im Shop oder kommen weniger ins Museum. Im Gegenteil!

(via labkultur.tv bzw. Twitter. Danke für den Tipp, Daniela!)

(2) Alte Pinakothek in München lässt Rubens twittern

Vor über zwei Jahren kam wbpr die Idee, die Rubensausstellung in der Alten Pinakothek den Menschen via Twitter näher zu bringen, indem sie Rubens selbst twittern ließen.

Aus seiner persönlichen Perspektive konnte man schon vor Eröffnung der Ausstellung seine Erlebnisse und sein Schaffen „live“ mitverfolgen. Das sorgte in den Medien für Furore und brachte auch Besucher in die Ausstellung, die bis dato bei alten Schinken an eine Stulle dachten. Ein Dialog hat damals allerdings nicht stattgefunden. Das war weder erwünscht noch geplant, wäre aber spannend gewesen.

(Via Werben & Verkaufen)

(3) Museum of Design Atlanta: Guerillamarketing mit Quietscheentchen

Das Museum für Design in Atlanta hat sich eine witzige Idee ausgedacht, um auf seine neue Ausstellung für Badezimmer-Design in seiner neuen Location aufmerksam zu machen. Sie haben über die gesamte Stadt bunte kleine Gummi-Enten verteilt. Darauf war ein Aufkleber mit weiteren Informationen, was die Menschen mit den Enten tun könnten, z.B. ein Foto bei Facebook und Twitter zu posten. Kleines Budget, große Wirkung!

(via eveos Blog)

(4) Walker Art Center: Museumswebseite als Online Art Magazine

Das Walker Art Center hat den Relaunch seiner Webseite zum Anlass genommen, neue Denkstrukturen in der Außenkommunikation wirken zu lassen. Während klassischerweise auf einer Webseite der gesamte Content vom Unternehmen bzw. von der Organisation kommt, sammelt eine Redaktion neben Informationen und Geschichten aus dem Walker Art Center Inhalte aus aller Welt zum Thema zeitgenössische Kunst. So wird die Webseite des Museums in Minneapolis zur Anlaufstelle von Menschen aus aller Herren Länder. Die Vision der Betreiber ist es, eine Art Wikipedia für zeitgenössische Kunst zu sein. Eine Version der Webseite im Responsive Design ist bereits in Arbeit.

(via fresh+new)

Museumsmentalität für digitale Inhalte

Warum sich dieser Aufwand des Umdenkens und die Digitalisierung der Inhalte lohnt fasst Tim Sherratt, in seinem Artikel „It’s all about the stuff: collections, interfaces, power and people“  zusammen:

(…) “to put the collections themselves squarely at the centre of our thoughts and actions. Instead of concentrating on the relationship between the institution and the public, we can focus on the relationship we both have with the collections” (…)

Mögen sich möglichst viele Unternehmen anstecken lassen, ihren Content nicht mehr intern zu konservieren und stattdessen ihre Expertise einer Kunstsammlung gleich öffentlich zu kuratieren und so die Kunden zu sich kommen zu lassen.

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