Neulich hatte ich das Vergnügen bei den Digital Media Women für einen Tag den Instagram Kanal zu übernehmen, um die Follower einen Tag lang mit „zur Arbeit zu nehmen“. Mein Job führte mich an dem Tag als Speakerin auf das Brigitte Symposium in Berlin.

Es war eine echte Herausforderung für mich, mir gute Fragen für Gesprächspartner zu überlegen, die in 10 Sekunden zu beantworten sind, gleichzeitig das Handy zu bedienen und zu vergessen, dass meine Haare durcheinander aussehen, oder nicht darüber nachzudenken, wie meine Stimme klingt. Dabei nicht die Konzentration für meinen eigenen Vortrag an dem Tag zu verlieren. Kurz: Das visuelle Erzählen im Alltag unterzukriegen, ist nicht einfach, ohne die Regel Nummer 1 guter Kommunikation zu verletzen: Never bore!

In Gesprächen mit Selbständigen und Inhabern kleiner Unternehmen herrscht die Tendenz vor, es dann doch lieber zu lassen als sich zu blamieren oder zu verzetteln. Der Begriff „Zeitfresser“ fällt oft in dem Zusammenhang. Und es stimmt, es kostet Zeit, sich Gedanken zu machen, und natürlich auch das Bilder machen, bearbeiten und teilen geht nicht von jetzt auf gleich. Als ich beim Interview mit Julia Jäkel, CEO und Gruner + Jahr mehrmals ansetzen musste, um den richtigen Filter einzustellen, meinte sie: „Ich dachte, mit der Digitalisierung geht alles schneller.“ Nicht ganz, vor allem wenn man noch in der Trial and Error Phase ist.

Dennoch: Marken brauchen Geschichten, Geschichten brauchen Bilder, weil sie bei den Menschen Kopfkino auslösen, weil sie bewegen, Assoziationen wecken. Genau das sind die Zutaten, um glaubwürdig und authentisch zu wirken. Das ist nicht neu. Neu ist die Vielfalt an Möglichkeiten, die sich durch das Internet und Apps dazu bieten.

Snapchat, Facebook live und Instagram Stories bieten Storytelling in Echtzeit. Twitter zeigt Bilder im Feed größer an, bei Facebook ist das schon länger der Fall. Youtube ist die zweitgrößte Suchmaschine nach Google. Bei Webseiten ist eine gute Bildsprache ohnehin die halbe Miete.

Dank Smartphones und Bildbearbeitungs-Apps war es nie einfacher als heute, selbst zum Visual Creator zu werden und nicht abhängig von Profis zu sein. Aber wo und wie anfangen?

Fotografin Simone Naumann ist Expertin für das Thema Visual Storytelling und Gründerin der Smartphone Fotoakademie. Mit ihr habe ich über die Herausforderungen und Chancen dieser jungen Erzählform gesprochen.

Meine These ist: Menschen brauchen Marken, Marken brauchen Geschichten, Geschichten brauchen Bilder. Warum ist das so?

Unsere Sinnesorgane suchen nach Reizen, sie wollen stimuliert werden. Das geht am schnellsten über Bilder.

Immerhin nehmen wir 80% aller Informationen über unsere Augen auf. Bilder sprechen dabei fast alle unsere Sinnesorgane an. Sehen wir zum Beispiel ein Foto von einer fröhlich tanzenden Menschenmenge, können wir Dank unseres Gehirns auch dazu passende Musik und Geräusche hören. Ähnliches passiert bei Bildern von leckerem Essen: Das Wasser läuft uns förmlich im Mund zusammen. Eine bewusste Bildgestaltung, die Wahl richtiger Motive und das passende Licht sind dabei wichtige Komponenten einer guten Bildgeschichte. Bilder liefern viel schneller Information als Texte. Das ist heutzutage nicht unwichtig, denn unsere Wahrnehmungsgeschwindigkeit hat sich enorm verkürzt: In nur zwei Sekunden erfassen wir ein Bild und entscheiden, ob wir es spannend finden oder ob wir uns lieber dem Nächsten widmen.

Ein gut gestaltetes  Bild sollte daher besser keine zufällige Ansammlung unterschiedlicher Motive sein, sondern eine bewusst inszenierte Geschichte. Die Anzahl der Bilder spielt dabei keine Rolle. Es reicht schon ein Bild für eine gute visuelle Story. Das ist dann allerdings die hohe Schule, die wir aus der Werbung kennen. Aber auch eine Bilderserie, Fotoreportagen, ein Diptichon oder Triptrichon sind gute Möglichkeiten, spannende Geschichten zu erzählen.

Wer also für seine Marke oder sein Business Aufmerksamkeit erzielen will,  etwas aussagen möchte, muss darauf achten dass sein Bild stimmig ist, dass alle Motive im Bild passen und dass es dem eigenen Anspruch, der Qualität für die man einsteht, gerecht wird.

Du als Profi ermutigst deine Teilnehmer selbst zum visual creator zu werden. Ist das nicht paradox?

Nein, ganz im Gegenteil, es ist sehr spannend gemeinsam mit den TeilnehmerInnen ihre eigene Marke zu visualisieren.

Wichtig ist zu wissen, für welches Medium,  für welche Plattform man das Bildkonzept benötigt. Im Idealfall fängt man bei der Website an und nutzt dann die dafür erarbeitete  Bildsprache auch für alle anderen Medien. Es kann sich aber genau so gut um den Auftritt in den Sozialen Medien, eine einzelne Kampagne oder die Visualisierung von Präsentationen handeln.  Alle bereits erarbeiteten Komponenten, wie das hauseigne Coporate Design, die Gestaltung der Website und vorhandene Texte werden hier zusammengefügt. Damit setzen wir dem Prozess der Markenbildung die Krone auf und schaffen eine eigene visuelle Corporate Identity, das den Teilnehmer als Person, Unternehmer und  Experten widerspiegelt. Auf spielerische und kreative Weise verstärken wir dabei noch einmal das Bewusstsein der eignen Marke.

Die TeilnehmerInnen erhalten am Ende ein „do it yourself“ Paket, mit dem sie selbst weiter arbeiten können.

Mit dem Ergebnis haben sie ein klares Bild über ihre Webseite, was die Zusammenarbeit mit Fotografen sehr erleichtert, zum anderen können sie mit ihrem Smartphone selbst guten visuellen Content schaffen. Als Unternehmensfotografin biete ich hier natürlich gern meine Leistung an. Die Smartphone Akademie bietet maßgeschneiderte Fotoworkshops oder Einzelcoachings für UnternehmerInnen an.

Ich habe meine Community bei Facebook und Twitter befragt , wo sie die größte Herausforderung beim Visual Storytelling sehen. Das geht stark in die Richtung Anspruchsdenken bzw. Mindset und strategische Herangehensweise, nicht so sehr ins Technische.

Was sind die typischen Herausforderungen, vor denen deine Teilnehmer stehen?

Das ist vor allem die Entwicklung eines Bildkonzeptes. Das Zusammenfügen aller Kriterien eines Unternehmens, diese Kriterien zu visualisieren und die richtige Zielgruppen anzusprechen, ist für jeden Einzelnen eine echte Herausforderung.

Eine weitere Herausforderung ist die Entwicklung der eigenen Bildsprache. Wie bei vielen Fähigkeiten, die wir uns aneignen wollen, brauchen wir Zeit und ein wenig Geduld. Fotografieren ist so ähnlich wie ein Instrument spielen. Je öfter du übst, um so schöner wirst du spielen oder eben fotografieren können. Und bald gestaltest du Bilder, mit denen deine Marke visualisierst und die einen Wiedererkennungswert erhalten. Dafür bietet meine Smartphone Fotoakademie in Zukunft unterstützende Workshops und Gruppenarbeiten an.

Was empfiehlst du, wenn die eigenen Ansprüche einen bremsen?

Hm… das ist eine sehr gute und schwierige Frage. In der Fotografie bleibe ich lieber anspruchsvoll und vermittle dies auch in meinen Workshops.

Im Visual Storytelling sollte sich der Anspruch der eigenen Marke, das was man seinen Kunden verspricht, wofür man steht, in jedem Fall widerspiegeln. Wer für höchste Qualität steht und seinen Kunden nur das Beste verspricht, möchte das natürlich auch nach außen darstellen. Neben einer Top Website, ansprechenden Texten gehören auch qualitativ hochwertige Bilder dazu. Hier findet die Regel „weniger ist mehr“ ihren Platz. Lieber keine Bilder veröffentlichen als Bilder in schlechter Qualität, die der eigenen Marke nicht gerecht werden.

Aber zum Glück ist das nicht mehr kompliziert und der zeitliche Aufwand hält sich in Grenzen. Die wachsende Qualität der Smartphone-Kameras und Bildbearbeitungs-Apps machen es uns hier immer leichter. Der Anspruch, mit einer Profi-Spiegelreflex-Kamera Social Media Content zu produzieren, wäre hier fehl am Platz.

Für gute Bilder muss ich ein Gefühl für Motive, Perspektiven und Themen haben. Wie kann ich das lernen?

Wie schon angedeutet ist es ein Prozess,  der sich beim „TUN“ entwickelt, wodurch unsere Augen immer wieder trainiert werden sollten. Bei der Wahl der Bildmotive bietet das eigene Bildkonzept eine hervorragende Hilfestellung.

Mit Aufnahmetechnik, wie es die Profis erlernt haben, müssen sich Smartphone Fotografen heutzutage nicht mehr ganz so intensiv beschäftigen. Hier hilft es, sich mit den notwendigen Apps auseinanderzusetzen und sich mit Gestaltungsregeln, wie „der Goldene Schnitt“ und der Wirkung von Farben anzufreunden. Es hilft auch, sich viele Bilder ansehen und sie zu beurteilen. In den Gemälden Alter Meister lassen sich Licht, Farben und Bildgestaltung analysieren und nicht zuletzt: Viel fotografieren, seine Bilder zeigen und sein Netzwerk befragen, was sie in den Bildern sehen.

Welche Apps sollte ich für mein Visual Storytelling unbedingt auf meinem Smartphone haben?

Zum Fotografieren nutze ich die die normale Kamera-App. Lightroom mobile von Adobe, ist sehr vielseitig. Es hat ebenfalls eine sehr gute Kamera, ein gutes Tool für Bildbearbeitung und Bildverwaltung. Photoshop Express, Enlight oder Snapseed wird ebenfalls gern für die Bildbearbeitung genutzt. Für das Copyright Watermark P und grafische Gestaltung Canva.

Snapchat, Instagram Stories und Facebook Live sind neue visuelle Erzählformate in Echtzeit. Was sind hier die Dos & Don’ts?

Hier liegen große Chancen für Unternehmer, sich mit gut gestalteten Storys neue Zielgruppen zu erschließen. Man hebt sich von anderen ab und kann sich auf eine lebendige Art und Weise präsentieren.  Zur Zeit noch ein klarer Vorteil gegenüber seinen Mitbewerbern. Hier kannst du Fotografie, Video und Grafiken wunderbar zu einer visuellen Story kombinieren. Achte darauf, dass deine Fotografien deinem Bildkonzept, deinem Hausstil entsprechen, nutze gutes Licht und ein Stativ für deine Livevideos, um diese nicht zu verwackeln. Grafiken und Text sollten dem eigenen Hausstil entsprechen.

Außerdem schadet es nie, sich vorab über das Thema und den Inhalt Gedanken zu machen und diese in einem kleinen Drehbuch festzuhalten. Einmal festgelegte Regeln und Abläufe können immer wieder genutzt werden.

Viele denken ja bei visual storytelling zuerst und hauptsächlich an Fotos und Videos. Welche Formate werden gerne übersehen?

Neben Video und Fotografie gehören Grafiken, ganz besonders Infografiken dazu.

Im journalistischen Bereich ist daraus Multimediales Storytelling entstanden. Auf perfekt und individuell zur Story passend gestalteten Websites können wir Storys lesen, sehen und hören. Das berühmteste Beispiel dafür ist „Snow Fall“ der New York Times.

Dein Tipp für den berühmten Sprung ins kalte Wasser?

Ein Konzept erstellen, ein wenig üben und es dann tun. Ein Tipp für eine gute Fotostory:

„Jedes Element im Bild trägt zur Bildgeschichte bei“ will heißen, gestalte bereits vor der Aufnahme, vermeide überflüssigen Inhalt, benutze den „Turnschuhzoom“: Ein Schritt nach rechts oder links kann dein Motiv schon besser und anders wirken lassen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Wenn du Lust hast, dein eigenes Bildkonzept für deine Marke bzw. dein Unternehmen zu entwickeln, empfehle ich das Espressinar zum Thema „Visual Storytelling“ mit Simone Naumann am 25.Oktober 2017.

Foto: melanie eichenauer photography

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