Kürzlich las ich, dass Schriftstellerin Susan Sonntag Listen mit Substantiven und Verben führte. Warum genau sie das tat, weiß man nicht. Aber es inspirierte mich zu einer einer kleinen Fleißübung: Ich habe die Webseiten von Trainer, Coaches und Beratern aufgeräumt. Quasi Frühjahrsputz. Ich habe die Sätze auf den Startseiten sortiert nach Substantiven, Verben und Adjektiven. Mehrfachnennungen waren möglich. Alle anderen Wörter wie Pronomen, Füllwörter etc. ebenso wie die Berufsbezeichnungen Trainer, Coach und Berater habe ich nicht in die Listen aufgenommen. Mir war wichtig festzustellen, wie die Branche über ihre Arbeit spricht.

Menschen reden anders mit Menschen

Es ist erstaunlich: In der Summe werden mehr Hauptwörter als Verben und Adjektive zusammen verwendet. Ich finde es erschreckend, wie sachlich über eine Arbeit gesprochen wird, bei der Menschen mit Menschen arbeiten. Waren sie nicht angetreten, damit Menschen Ängste überwinden, sich mutig verändern,  über ihren eigenen Schatten springen, die Verantwortung für sich und andere übernehmen? Nach der zehnten Seite habe ich aufgehört, die Listen zu ergänzen. Die Dubletten häuften sich und mir kam das kalte Grausen über die Nüchternheit und die Leere, die in den verwendeten Worten steckt. Menschen sollten anders mit Menschen sprechen, wenn ihnen Menschen wirklich wichtig sind.

Vom Was zum Warum

Viele Vertreter dieser Berufsgruppe beklagen sich, dass es ihnen schwer falle, sich abzuheben in dem unübersichtlichen Feld der vielen Trainer, Coaches und Berater. Sie können nicht erklären, was sie von den anderen unterscheidet, da doch offensichtlich alle irgendwie das Gleiche tun. Das ist richtig, deshalb sollten sie aufhören, nur darüber zu sprechen, was sie tun.

Gehören Sie zu der genannten Berufsgruppe? Dann wäre es ein guter Anfang zu erzählen, warum Sie tun, was Sie tun. Ich berate sehr viele Coaches, Trainer und Berater. Ich weiß, dass hinter jedem dieser Menschen eine einzigartige Geschichte steckt. Eine Summe von Erlebnissen und Erfahrungen, die dazu geführt hat, diese Richtung einzuschlagen. Eine gute Übung dazu ist die mit den zehn wichtigsten Ereignissen des Lebens, die ich in dem Artikel „Vergessen Sie Ihre Über-mich-Seite“ verlinkt habe.

Ein zweiter guter Schritt wäre, keinen der Begriffe aus den nachstehenden Listen zu verwenden, wenn Sie über Ihre Arbeit sprechen. Das würde Sie auf einen Schlag wirklich einzigartig machen!

Substantive


Ansatz

Ansprechpartner

Arbeit

Arbeitsabläufe

Arbeitsumfeld

Aufbau

Aufgaben

Basis

Bedürfnisse

Begleitung

Beratung

Beratung

Berufserfahrung

Bewegung

Bewerbung

Durchführung

Ebene

Effektivität

Einstellung

Einzelpersonen

Entwicklung

Entwicklungsausrichtungen

Erfolg

Erfolg

Erreichung

Etablierung

Fragen

Freiheit

Freiheit

Führen

Führungskräfte

Führungskräfte

Führungskräfte

Führungskräfte

Führungskräfte

Führungskräfteentwicklung

Führungskultur

Führungspersönlichkeiten

Geschäftspartner

Gestaltung

Größe

Handlungsspielraum

Herausforderung

Herausforderungen

Ideen

Innovation

Karriere

Kerngeschäft

Kommunikation

Kommunikation

Kompetenzen

Kompetenzen

Konflikte

Kooperation

Kooperation

Kreativität

Kultur

Kunden

Lernen

Lernprozess

Lösungen

Lösungen

Lösungswege

Management

Markt

Maß

Methoden

Mitarbeiter

Mitarbeitermotivation

Organisation

Organisation

Organisationen

Partner

Personalentwicklung

Personalentwicklung

Personalentwicklung

Personalentwicklungsprozesse

Persönlichkeit

Persönlichkeitsentwicklung

Potenzial

Potenziale

Professionalität

Programme

Projekte

Prozesse

Qualifizierungsmaßnahme

Raum

Raum

Resultate

Rezepturen

Situationen

Struktur

Struktur

Team

Teams

Teams

Teams

Thema

Themen

Unternehmen

Unternehmen

Unternehmen

Unternehmen

Unternehmen

Unternehmen

Unternehmen

Unterstützung

Veränderung

Veränderungen

Veränderungsprozess

Veränderungsziele

Verhalten

Vertriebsmitarbeiter

Wandel

Wandel

Weiterentwicklung

Worthülsen

Ziele

Verben


agieren

akzeptieren

ändern

angehen

anlegen

ausbauen

beeinflussen

begleiten

bewältigen

gestalten

bieten

brauchen

bringen

denken

entfalten

entscheiden

entstehen

entwickeln

entwickeln

eröffnen

erweitern

folgen

freisetzen

freuen

geben

gelebt werden

gestalten

können

lösen

nutzen

orientieren

reagieren

suchen

umsetzen

unterliegen

unterstützen

unterstützen

unterstützen

verbessern

verstehen

widersprechen

wissen

Adjektive


anders

beruflich

bestehend

dauerhaft

erfahren

erfolgreich

erfolgreich

ergebnisorientiert

europaweit

flexibel

gemeinsam

geschäftlich

gezielte

hochwertig

individuell

individuell

intern

konkret

kontinuierlich
fit

konzeptionell

langfristig

langfristig

langjährig

leicht

maßgeschneidert

mitarbeiterorientiert

modern

möglich

nachhaltig

nachhaltig

nachhaltige

neu

passend

passgenau

permanent

persönlich

privat

professionell

professionell

richtig

schnell

sozial

spezialisiert

strategisch

systematische

systemisch

täglich

tätig

unternehmerisch

unterschiedlich

verantwortlich

voll

zertifiziert

zukunftsorientiert

Wenn das irgendjemand (Germanisten, Psychologen, Linguisten etc.) liest, der mir folgende Frage beantworten kann, freue ich mich über Kommentare: Warum sprechen Menschen, die bei ihrem Schaffen so viel Wert auf Persönlichkeit und Einzigartigkeit legen, eigentlich so unpersönlich und austauschbar über ihre Arbeit?

16 Comments

  • Guten Morgen, Maren,
    auch wenn ich Linguisitn bin, kann ich dir keine wissenschaftliche Theorie anbieten, die deine Beobachtungen erklären/belegen könnte … aber ich habe eine persönliche Meinung dazu. Mir ist dieses Phänomen nämlich auch schon aufgefallen und ehrlichgesagt, bin ich mit meiner eigenen Website seit Jahren deswegen im Argen.

    Also, ich denke, dahinter stecken zwei „Probleme“: das Reflektieren als Arbeitskern von Beratern, Coaches etc. (Jedes Wort kann auf der Goldwaage landen.) und das die Tätigkeit schwierig zu erklären ist. Deswegen wird das Heil in den immer gleichen wiederkehrenden Begriffen gesucht. Diese stammen dann entweder aus den jeweiligen Wissenschaften oder sind mittlerweile in der Branche etabliert, haben Wiedererkennungswert.

    Deswegen finde ich den Vorschlag, vom Was zum Warum überzugehen sehr gut. Ich selbst versuche mich gerade an dem Ansatz, mein Gegenüber zum einen als Mensch und zum anderen ohne oder zumindest nicht mit tiefgründigem Fachwissen zu sehen. Denn bei einigen Seiten habe ich den Eindruck, dass nicht primär der Kunde angesprochen wird, sondern immer auch ein Wettbewerber, der alte Prof oder das eigene Fach-Ego mit auf der Schulter sitzen und beeindruckt werden wollen.

    So, das war’s. Viele Grüße in die Runde!

    • Liebe Susann, vielen Dank für die Einschätzung. Natürlich ist es schwierig zu erklären, was wir tun, aber deswegen sollten wir es uns doch nicht so leicht machen, auf eine gute Erklärung zu verzichten, und es dem Kunden so schwer machen das zu verstehen.
      Auf die Idee, dass man für die Wettberwerber oder den alten Prof schreibt, bin ich noch gar nicht gekommen. Aber das wäre eine gute Erklärung. Besonders schlau daherkommen zu wollen, ist allerdings nicht hilfreich 😉 Denn am Kunden vorbei zu schreiben ist voll daneben!
      Mir hilft beim Schreiben die Vorgehensweise aus dem Magnetprodukt-Kit: Ich überlege mir genau, welche Probleme meine Kunden haben und wie sie sie selbst ausdrücken. Und welche Bedürfnisse sich daraus aus Ihrer PErspektive ergeben. Das führt ganz schnell dazu, eine andere Ausdrucksweise anzuschlagen.
      Ich wünsche Dir gutes Gelingen für Deine Webseite!

    • Liebe Kerstin,
      vielen Dank für Deine wunderbaren Tipps. Der Artikel kommt zu meinen All-time-Favs und wird an jeden Trainer, Coach und Berater geschickt, der mir mit 0/8/15-Texten kommen will. So geht Texten!

  • Liebe Frau Martschenko,

    vielen Dank, dass Sie nach dem Frühjahrsputz, uns Lesern und „Verfolgern“ Ihre gesammelten Wörter präsentieren. Ihre Tipps sind prima und Kerstin Hoffmann hat Ihren Beitrag wunderbar ergänzt und angereichert.

    Deshalb halte ich mich kurz und beschränke mich auf drei Impulse:

    1. Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.
    2. Nicht schauen, was die anderen schreiben (und schon gar nicht kopieren).
    3. Einfach machen!

    Viele Grüße

    Ihre Kommplizin Gaby Feile

  • Unpersönlich und austauschbar?
    Ist eine Meinung noch gefragt?

    Hallo Maren,
    ich nehme mal das Du. I.O.?
    Aus welchem Grund das so ist, weiß ich natürlich kaum. Maximal habe ich eine Meinung.
    Und es wird auch so sein, dass auch ich nicht frei bin von Besserem.
    Vielleicht ist es die Masse: Berater, Literatur, die Lehren des Marketings, die uns nahelegen, so zu sein: Normal. Normal, obwohl jeder auch anders sein möchte, eben einzig, besonders. Hinzu kommt, dass der „Kunde“ das dann auch verstehen sollte, wie wir dann so sind, wenn wir einzig sind. Denn er ist wohl auch etwas geprägt vom Normalen. Und will doch selbst auch einzig sein. Es dreht sich. Ich war mal an einer Hochschule. Da wollten die Doktorinnen lernen, wie man Mitarbeiter führt. Also erzählte ich ihnen, wie das gehen kann, plauderte aus dem Leben, so wie ich es kenne. Ich würde sagen, mit meiner naiven Begeisterung für das, was ich so erlebte, etwas garniert mit Wissen, gehört, gelesen, aufgesammelt. Die Damen hatte auch eine Idee, wie sie nicht sein wollten: wie ihre gegenwärtigen Chefs, Professorinnen. Am Ende wurde ich kritisiert. Es sei alles nur Theorie, passt nicht zu ihnen. Ich übersah einfach, dass sie werden wollten, was kritisierten. Also: Normal, wie man so eben zu sein hat als Professor. Es braucht schon Mut, Tatendrang und sehr viel Profil, um Profil zu haben, vor allem: seins.
    Versuch macht klug. Und so werde ich immer wieder prüfen, was ich machen kann, um ich selbst zu bleiben und anderen zugleich die Chance zu geben, es auch zu sein und doch eben im Anderen des Anderen das Ähnliche zu finden. Etwas quer? Nun denn, manchmal verliert sich der Schreibe in seinen Gedanken. Sollte er da doch besser so schreiben, wie es üblich ist?

    Heitere Grüße am Rande des Weihnachtsfestes
    J. H.

  • Liebe Frau Martschenko, dieser köstliche Beitrag hat mich vor einigen Wochen endgültig von Ihnen überzeugt – trifft er doch den Nagel auf den Kopf. Wir Psychosozialen lernen in Studium, angestellter Tätigkeit und vor allen im QM diese kalte Sprache, um unsere Fachlichkeit zu unterstreichen. Dies ist in bestimmten Kontexten wichtig und richtig. Wenn wir uns dann aber als Coaches etc. selbständig machen, müssen wir lernen, eine andere Sprache zu lernen. Dafür gibt es ja glücklicherweise Frauen wie Sie – uups , beinahe hätte ich „DienstleisterInnen“ geschrieben! – die es uns spiegeln und Wege aufzeigen, aus der Perspektive unserer WunschkundInnen zu schreiben.
    Herzliche Grüße!

    • Hallo Frau Neumeyer, besten Dank für die beiden Kommentare. Das war eine schöne Zusammenarbeit. Danke für das Vertrauen. Ich glaube, das ist nochmal einen eigenen Blogbeitrag wert: Wie stelle ich meine Kompentenz unter Beweis?

  • Nachtrag: Direkt nach dem Schreiben meines Kommentars flatterte eine Fachtagung mit einem mörderischen Titel herein, den ich Ihnen und Ihren LeserInnen nicht vorenthalten will: „Quervernetzung der versäulten Hilfesysteme – Bildung von Verantwortungsgemeinschaften“. Das macht Lust auf mehr, ne?

  • Ich möchte behaupten, dass wir leider verlernt haben uns selbst zu definieren. Deswegen werden Dienstleistungen und Produkte beschrieben. Letztens fragte mich jemand was denn meine Produkte seien. Ich habe gesagt, dass ich als Berater unterwegs bin und kein Produkt und ihm erklärt um was es mir geht, warum und wie und das es meine Sichtweise der Welt ist.
    Sich selbst zu definieren bedeutet aber auch bewusst in den Spiegel schauen, alte Glaubenssmuster auflösen, ggfls. überlebte Verbindungen auflösen usw.

    Wer möchte denn schon diesen Schmerz spüren?
    Ich für mich sehe es als das größte Geschenk, mich ständig zu hinterfragen. Die Schmerzen werden jedesmall kleiner und die Lösung immer schneller sichtbar.

    Herzliche Grüße

    • Lieber Björn, du beschreibst das typische Dilemma von Dienstleistern, die selbst das Produkt sind bzw eben ein Service, den man weder anfassen und noch ausprobieren kann. Für Kunden ist es dennoch wichtig nachzuvollziehen, was sie da kaufen bzw. für ihr Geld bekommen. Insofern ist es tatsächlich wichtig, sich selbst definieren zu können, obwohl wir von klein auf eingebimst bekommen, dass es sich nicht gehört, so über sich selbst zu sprechen. Ich spüre diesen Schmerz gern und hinterfrage mich auch regelmäßig. Im Übrigen auch mit Unterstützung durch einen Coach. Das macht es sehr viel einfacher 🙂

  • Hallo Maren,
    eines meiner Lieblingsthemen 🙂 Immer diese Substantivierungen, Hauptsache, irgendwo hängt ein -ung, -keit- oder -heit dran, ich nenne sie die „evil endings“. Ich glaube nicht, dass die Leute verlernt haben zu schreiben. Sondern, dass sie gelernt haben, dass man so schreibt. Dass man nur so Professionalität ausdrücken kann. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, fällt mir immer wieder der Moment ein, an dem wir (ab der 6. Klasse?) plötzlich keine Erlebnisaufsätze mehr schreiben durften. Sondern bis zum Abitur nur noch Erörterungen. Das ist keine schöne Sprache, die einem da beigebracht wird. Stattdessen ein Stil voller lahmer Verben, Substantivierungen, Passivkonstruktionen. Und in der Ausbildung oder an der Uni geht es munter so weiter. Akademisches Sprachgeschwurbel. Die Einleitung meiner Magisterarbeit fand mein Prof erst gut, als sie so schwurbelig war, dass ich sie selbst nicht mehr verstanden habe. Was ich damit sagen will: Ich glaube, es möchten schon alle persönlich, emotional und einzigartig schreiben. Das sind ja auch die Texte, die man selbst toll findet. Aber es hakt an zwei Dingen: Sie wissen nicht wie es geht und greifen auf das Altbewährte (evil endings, böse Verben etc.) zurück und/oder sie trauen sich nicht und greifen auf das Altbewährte zurück.
    Ich gebe mittlerweile Workshops zu dem Thema, aber das nur am Rande 😉
    Liebe Grüße, Nadja

    • Liebe Nadja, „evil endings“ – großartig! Was du beschreibst, habe ich in meiner Schullaufbahn genau so erlebt. Auf Phantasie- und Erlebniserzählungen bekam ich immer eine eins, danach ging es bergab. Auch später in der Agentur wurden meine Eventeinladungen glattgebügelt, bis sie sich anfühlten wie Teflon 😉
      Schreibcoach Gitte Härter nennt es den „Plauderton“, in dem man seine Blogartikel schreiben sollte. Hier rutsche ich dann manchmal ins „Geschwätzige“ ab. das ist auch nicht ideal… Übung macht den Meister!

      • Einer meiner Lieblings-Autoren, Matt Haig, sagt: Easy reading is not easy writing. Und daran muss ich fast jeden Tag denken. Aber ist doch seltsam, dass uns allen dieser Plauderton gefällt, aber wenn es ums Professionelle geht, viele ihn ablehnen? Für mehr Plaudern im Professionellen! Liebe Grüße

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