Auf der diesjährigen re:publica, Europas größter Social-Media-Konferenz, haben die Blogger den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen: Von den Decken hängende Banner mit Baumfotos und Videoanimationen von Waldlandschaften an den Wänden suggerierten, dass wir uns in der freien Wildbahn des Social Web bewegen. Unter dem Motto INTO THE WILD forderten uns die Macher auf, uns „auf die Suche nach unerwarteten technischen Lösungen, überraschenden Impulsen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und freuen uns auf neue, ungezähmte Netzkultur“ zu begeben.

Von Wildnis war dann tatsächlich wenig zu spüren – abgesehen vom üblichen Dickicht des Programms, durch das ich mir auch dieses Jahr wieder eine Schneise schlagen musste. Vogelwild war eigentlich nur das Tam-tam, das um die Session mit David Hasselhoff gemacht wurde.

 

Mehr Bandbreite – aber bitte nur im Netz

Schon vor der re:publica wurde trotzig geschrieben, dies sei die letzte re:publica des Lebens. Skepsis allerorten. Das setzte sich auch bei den Hinterhofgesprächen fort. Alte Hasen klagten, die Veranstaltung sei so kommerziell geworden, weil Mercedes einen Stand aufstellte, weil f-secure David Hasselhoff, den in die Jahre gekommenen Lebensretter, eingeflogen habe. Ich kann das nicht nachvollziehen: Das Social Web ist mittlerweile so vielfältig geworden, die Blogosphäre wird ständig größer. Es gibt private Blogs und Corporate Blogs, Reiseblogs und Politikblogs, Elternblogs und Kinderblogs, Markenblogs und Literaturblogs, große Blogs und kleine Blogs. Es gibt Apps und Social Networks, soweit das Auge reicht. Warum soll denn nun ausgerechnet eine der wichtigsten Bloggerkonferenzen weltweit so bleiben wie sie mal war? Ich liebe diese Bandbreite!

 

Klassentreffenstimmung bleibt

Der Hauptgrund für mich, zur re:publica zu fahren, sind immer noch die persönlichen Gespräche mit den Menschen, mit denen ich den Rest des Jahres virtuell Kontakt habe.

Sie haben dieses Jahr den meisten Raum eingenommen. Dabei sind viele neue Ideen entstanden: Ein neues Passion Project (demnächst mehr dazu) im Gespräch mit Johannes Brehme und Franziska Schmid. Eine neue Freitagskuh dank Marie-Christine Schindler. Ein neues Wanderdate mit Stefanie Dehler. Ich habe endlich die Ironblogger live und in Farbe getroffen. Ich habe alte und viele neue Bekannte getroffen. Trotz der Bandbreite hatte die re:publica für mich immer noch Klassentreffenatmosphäre.

 

Meine Highlights bei den Vorträgen

Die schiere Masse an Vorträge und Panels (250 Stunden insgesamt) hat mich wieder einmal erschlagen, deshalb hieß die Devise für mich „weniger ist mehr“. Es gab ein paar gesetzte Veranstaltungen wie die von Wibke Ladwig und den Finanzblog-Award, der Rest waren Bauchentscheidungen. Besonders im Gedächtnis werden mir die folgenden fünf Sessions bleiben:

Platz 5 Verleihung des comdirect finanzblog award

Die Finanzblogger sind in der deutschsprachigen Blogosphäre immer noch eine eher exotische Spezies. Es hat laut geladener Expertenrunde damit zu tun, dass die Deutschen ungern über Geld reden. Die Gruppe wächst zwar, aber eher langsam. So kommt es, dass immer wieder die gleichen Blogger für den Preis nominiert werden. Der erste Platz ging allerdings an Newcomer Feingold Research. Feingold ist der Nachname einer der beiden Blogger und nicht etwa ein neuer Wert am Anlegerhimmel. Die beiden Journalisten bringen eine sehr freche und sympathische Note in die online Gespräche über Geld. Ein Blick auf ihre Seite lohnt sich! Ebenso wie auf die des zweitplatzierten Blogs Plusvisionen. Das Blog ist nicht nur gehaltvoll, sondern sogar schön! Ein Novum in dieser Ecke des Internets.

Der Publikumspreis ging an den zweitplatzierten des letzten Jahres: Mr Market. Man merkt es gleich, Geld und alles, was man damit anstellen kann, ist seine große Leidenschaft. So groß, dass Leser in einem mittleren dreistelligen Bereich durchschnittlich 200 EUR für den Content ausgeben. Ohne irgendeine angehängte Facebookseite oder einen Twitterkanal zu dessen Promotion. Während auf anderen Bühnen noch proklamiert wird, eine Bezahlschranke im Internet würde nicht funktionieren, beweist er das Gegenteil. So geht Geld verdienen im Internet.

Dass es keine einzige Frau gibt, die gern und gut über Geld schreibt, wundert mich indes etwas. Denn gerade diese Gruppe der Gesellschaft wird künftig besonders vom Altersarmut betroffen sein. Es wird Zeit, dass sie sich aktiv mit dem Thema Geld auseinandersetzt. Digital und analog. Mehr dazu demnächst im Blog der Digital Media Women.

Platz 4 Kixka Nebraska „Catch me if you can“

Sehr neugierig war ich auf den Vortrag von Kixka Nebraska , die sich mit ephemeren (flüchtigen) Plattformen beschäftigt. Diese zeichnet aus, dass gepostete Inhalte gleich mit einem Verfallsdatum versehen werden. Große Aufmerksamkeit bekommt derzeit die App Snapchat, die insbesondere von Jugendlichen genutzt wird. Statusmeldungen, Bilder und Kurzfilme bleiben für ausgewählte Kontakte maximal 10 Sekunden sichtbar. Pro Sekunde werden rund 4600 Snapchats gepostet. Die Flüchtigkeit lädt zum gedankenlosen Posting ein. Eine Gegenbewegung zu Facebook, wo alles gespeichert wird? Ich persönlich empfinde Facebook bereits als ephemere. Für mich gibt es dort wenig, das bleibt. Statusmeldungen rauschen im Sekundentakt auf dem Bildschirm vorbei. Am Ende eines Tages kann ich mich schon nicht mehr an das erinnern, was tagsüber in meinen Newsstream gelandet ist. Es gibt wenig wirklich Gehaltvolles. Meine These: Je ephemerer die Plattform, desto belangloser die Inhalte – und umgekehrt!

Platz 3 DMW Lightning Talk mit Conni Bisalskie von Planet Backpack

Als Digital Media Woman habe mich sehr auf die Veranstaltung des Berliner Quartiers gefreut. In vier sogenannten „Lightning Talks“ konnten zwei Frauen und zwei Teams ihr Business vorstellen. Es gab eine Fünf-Minuten-Präsentation mit anschließender Fragerunde. Ein richtiges Schmankerl war der Vortrag von Reisebloggerin Conni Bisalskie von Planet Backpack. Sympathisch bairisch eingefärbt und humorig erzählte sie von ihren Erfahrungen als Digital Nomadin und vom Geld Verdienen im Internet.

Platz 2 „Don’t talk to women in tech about women in tech“

Der Titel hat mich in seiner Widersprüchlichkeit sehr angesprochen. Das Panel mit drei Techfrauen aus Afrika war ein echtes Highlight. Hier mischten sich Kompetenz und Esprit wie sie auch europäischen und deutschen Bühnen gut täten. Die drei jungen Frauen aus Ruanda, Nigeria und Kenia erzählten von ihren persönlichen Erfahrungen über die Situation von Frauen im Techbereich und dass sie am liebsten gar nicht mehr darüber sprechen wollten, dass sie Frauen sind. Clarisse Iribagiza von Hehe Ltd, Ruandas erfolgreichstem Start-up im Bereich Mobile Technology, brachte es auf den Punkt: „How do we get women involved in tech, in politics, in finance, in society as whole? (…) I went in tech, not because of the women in tech, but because I am passionate about tech. (…) When will be the time when we talk about people in tech, not women in tech?“ Einen Anspruch, den ich mit ihr teile. Nun frage ich mich, ob wir Digital Media Women uns nicht konsequenterweise in Digital Media People umbenennen sollten?

Platz 1 Wibke Ladwig „Ein blindes Huhn ist kein Ponyhof“

Besonders gefreut habe ich mich auf Wibkes Vortrag zur deutschen Sprache. Bereits im vergangenen Jahr war ihre Session „Decoding a book“ das absolute Highlight gewesen. Und auch dieses war Wibke die in meinen Augen professionellste und beste Sprecherin auf der gesamten Veranstaltung: Durchdacht, mit interaktiven Elementen und ungewöhnlichen Thesen ging sie mit ihrem Publikum auf die Suche nach den Worten im Internet. Absolut sehenswert!

 

Meine Wünsche an die Macher fürs nächste Jahr

  • Eine Stunde für Wibke Ladwigs Vortrag.
  • Mehr professionell vorbereitete Sessions wie die von Wibke.
  • Gesponsorte Veranstaltungen bitte als solche im Programm kennzeichnen.
  • Eine echte Outdoorsession, die über den nach Bratwurst riechenden Hinterhof hinausgeht.

 

 

 

 

4 Comments

  • Danke für Deinen Bericht von der Republica 2014, Maren! Wie immer sehr kurzweilig geschrieben und dieLinks zu den Vorträgen! Habe mir gerade den Vortrag von Wibke Ladwig angesehen…
    Alles Liebe
    Karin

  • Liebe Maren,

    vielen Dank für diesen lebendigen Bericht von der re:publica, deren Metier sich für mich immer noch und immer wieder wie Neuland anfühlt … *lach*

    & ich habe wieder etwas dazu gelernt. Auch Dank Deiner Links.

    Herzliche & farbenfrohe Grüße ______ Anja Carmen

  • Danke für das Feedback und den Hinweis, dass wir gesponserte Sessions nicht gekennzeichnet haben. Nun versuchen wir das immer, dabei kann natürlich auch was durchrutschen. Weißt Du denn noch, wo uns das durchgerutscht ist?

    • Lieber Markus, vielen Dank für das Feedback. Gute Frage! Leider weiß ich das nicht… ich weiß nur, dass es anderen auch so ging. Das hilft Euch jetzt natürlich nicht. Ich freue mich in jedem Fall aus nächste Jahr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.