Wir führen das digitale Leben vorwärts und verstehen es rückwärts – frei nach Kierkegaard. Bei den fast täglich neuen Tools, Kanälen und Technologien haben Marken und ihre Macher nie mehr Möglichkeiten als heute, sehr erfolgreich zu sein oder total daneben zu liegen. Erfolgreiche Markenführung ist und bleibt ein Tanz auf Messers Schneide. Dafür gibt es weder Patentrezepte noch Musterlösungen. Erfolg lässt sich immer erst retrograd definieren. Dennoch müssen wir nach vorne schauen! Auf was sollten Sie 2015 Ihr Augenmerk legen, damit Sie sich nicht unnötig Zeit, Geld und Nerven bei Ihrer Markenführung verlieren? Ich habe sechs Strategen dazu befragt. Ihre Empfehlungen sind: Konzentrieren Sie sich auf Ihre Kerntugendenden wie Leidenschaft, Disziplin, Beharrlichkeit und eine gesunde Portion Trotz. Seien Sie vorbereitet auf Überraschungen, indem Sie einen guten Plan und eine Contentstrategie in der Tasche haben. Lernen Sie, Ihre Marke loszulassen. Das gilt nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für uns Berater.

Alte Tugenden sind gefragt

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Christoph Grass, Leiter Strategische Planung, Unequity

„2015 wird alles anders. Neue digitale, mobile, soziale und sonstige Marketingtools werden kommen und das Marketing komplett revolutionieren. Wer nicht rechtzeitig auf den bzw. die Züge aufspringt, bleibt zurück. Und dann?
Dann besinnen Sie sich auf alte Marketingtugenden und hören darauf, was Ihre Kunden wollen. Nehmen Sie sich die Zeit und hinterfragen Sie kritisch was Ihren Kunden wirklich wichtig ist. Kundenorientierung wird auch 2015 wieder ein Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg.
Mag der technische Fortschritt auch laufend neue Marketingkanäle und Chancen hervorbringen, so geht damit auch immer die Gefahr einher, sich zu verzetteln. Ausprobieren schadet nicht, aber spätestens jetzt sollten Sie Ihre geplanten Marketingmaßnahmen auf den Prüfstand stellen und gnadenlos abspecken. Setzen Sie auf Klasse statt Masse. Sie müssen nicht auf allen Hochzeiten tanzen, aber dort, wo Sie auftreten, sollten Sie mit ganzem Herzen dabei sein und Eindruck hinterlassen.“

Christoph Grass, Leiter Strategische Planung, Unequity

Sonnige Aussichten für geerdete Marken

Daniela Harder
Daniela Harder, Mama und Markenmacherin, Schattenarbeiter und Brandharder-Bloggerin

„Bei allen taufrischen Begrifflichkeiten und wiedergekäuten Predigten im Zusammenhang mit „Marketingtrends 2015“ bleibt das Elementare auch 2015 – und darüber hinaus.
Eine Marke wird aufgebaut und gepflegt, um eine Leistung oder eine Idee in die Welt zu schicken, damit sie dort Begeisterung ernten möge. Menschen begeistern sich für Werte – in Form von Nutzen, Vorteilen, Unterhaltung oder Lebensgefühlen. Spürbare Werte! Damit eine Marke einen solchen spürbaren Puls und damit Anziehungskraft entwickeln kann, braucht sie…

  • unsere ungebremste Leidenschaft, bester Problemlöser und freundschaftlicher Begleiter für unsere Kunden sein zu wollen.
  • anhaltende Disziplin, sich mit Herz und Kopf in die Bedürfnisse und Verhaltensweisen unserer Zielgruppe hineinzudenken und einzufühlen.
  • unseren aufrichtigen Willen, einen echten (oder gar überraschenden) Nutzen für unsere Zielgruppe zu schaffen – mit allem was wir tun und (!) sagen.
  • eine gesunde Portion Trotz, es nicht so zu machen wie alle anderen, weil der Trend es diktiert, sondern so, wie der eigene Spürsinn es für richtig befindet.

Markenführung ist in meiner Wahrnehmung wie Kindererziehung. Auch hier gibt es unzählige Erziehungsratgeber mit modernen Musterlösungen, denen ich als Mutter wenig Aufmerksamkeit schenke. Stattdessen investiere ich viel Liebe, beobachte aufmerksam und unterstütze die Persönlichkeitsbildung mit meiner Erfahrung und meinen Mitteln auf solche Weise, dass mein Kind passend zu seinem ureigenen Charakter ein gesundes Selbstbewusstsein und eine aufrichtige Haltung für die Zukunft entwickeln kann – die wiederum in ihren Einzelheiten nicht vorhersehbar ist. Fehlen diese Wurzeln, bringt auch jeder Aktionismus im Sturm der Veränderung wenig. Ist diese Bodenhaftung dagegen vorhanden, richtet sich das weitere Wachstum selbsttätig Richtung Sonne.“

Daniela Harder – Mama und Markenmacherin, Schattenarbeiter und Brandharder-Bloggerin

2015 – überraschend anders

Nils-Peter Hey, FISCHFELL , strategischer Berater und Studienleiter an der BAW
Nils-Peter Hey, FISCHFELL , strategischer Berater und Studienleiter an der BAW

„2015 wird das Jahr, das die Kunst der Markenführung von Grund auf verändern wird! Oder auch nicht. Oder ein bisschen. Egal was sendungsbewusste Marketing-Hellseher prognostizieren: Große Aufmerksamkeit für den Menschen gepaart mit markentechnischer Handwerkskunst werden wieder einmal im Mittelpunkt stehen. Mit dabei: Die guten Tugenden erfolgreicher Marken-Architekten – Wandlungsfähigkeit, Beharrlichkeit, Mut. Progressiver Konservativismus mit Blick für die oft unmerklichen Veränderungen im Erleben des Kunden. Auch dabei: Alle Überraschungen, die niemand auf dem Zettel hat. Mein Tipp und eine hervorragende Hausaufgabe für 2015, bei der Unternehmer, Mitarbeiter, Agenturen, Berater und alle Anderen viel lernen können: Prävention drohender Marken-Krisen, speziell im digitalen Raum. Kommunikation für kleine und große Krisen entwerfen, die hoffentlich nie eintreten. Gewappnet sein für den Fall der Fälle. Schult das Verständnis für den Kunden, schützt die Marke und bringt sie auch sonst ordentlich weiter.“

Nils-Peter Hey, FISCHFELL , arbeitet als strategischer Berater und ist Studienleiter an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing

Zeigen Sie sich als Mensch

Sascha Theobald, Stratege, Impulsgeber, kreativer Kopf
Sascha Theobald, Stratege, Impulsgeber, kreativer Kopf

Spätestens jetzt wird es für kleine und mittelständige Unternehmen Zeit, die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation zu verstehen und zu nutzen. Und das hat wenig mit den hochgeschaukelten Hypes und Trends zu tun. Es geht darum, den Menschen offen, respektvoll und humorvoll zu begegnen. Denn am anderen Ende der Leitung sitzen Menschen – keine Bits und Bytes. Also zeigen Sie sich als Mensch – persönlich, lebendig und mit einer klaren Haltung. Nur so lassen sich vertrauensvolle Beziehungen schaffen.

Und damit aus den Beziehungen auch Aufträge wachsen, braucht es klare Botschaften. Welchen Wert schaffen Sie mit Ihrer Arbeit beim Wunschkunden? Hier heißt es: Weg von den platten Werbebotschaften, hin zu relevanten Antworten. „Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt“ ist schon lange kein Argument mehr für eine Zusammenarbeit. Öffnen Sie die virtuelle Bürotür und geben Sie Einblicke auf Ihre Haltung und Ihre Arbeit. So haben Menschen das Gefühl Sie kennenzulernen.

Sascha Theobald, einfach. klar. kommunizieren.

Jede Marke braucht eine Contentstrategie

Dr. Kerstin Hoffmann
Dr. Kerstin Hoffmann, Kommunikationsberaterin, bloggt als „PR-Doktor“

„Wenn ich eine Kristallkugel hätte und die Zukunft vorhersagen könnte, säße ich wohl jetzt nicht hier am Schreibtisch. 😉 Aber einen dringenden Rat habe ich parat: Wer sich noch nicht umfassend für sein Unternehmen mit dem Digitalen Wandel auseinandergesetzt hat, dem bleibt nicht mehr so viel Zeit, bis er oder sie endgültig den Anschluss verliert. Für die Unternehmenskommunikation gilt: Eine abteilungsübergreifende Contentstrategie braucht spätestens 2015 jede Marke. Das gilt auch für kleine und mittlere Unternehmen. Dafür dass sie dauerhaft Wirkung zeigt und zugleich im leistbaren Rahmen bleibt, sorgen ein fundiertes Konzept sowie realistische Planung.“

Dr. Kerstin Hoffmann ist Kommunikationsberaterin, Vortragsrednerin, Buchautorin und bloggt als „PR-Doktor

Marke 2015-2050

Ralf Tometschek
Ralf Tometschek, IDENTITÄTER®

„Eine Jahresvorschau wage ich kaum, zu marginal sind die Veränderungen innerhalb eines solchen Zeitraums. Wir werden Marken positionieren – wie immer. Wir werden Arbeitgeber positionieren – wie immer. Wir werden Kunden dafür gewinnen, mit Marke innen zu beginnen und die Unternehmenskultur aus den Werten und dem Versprechen der Marke zu gestalten – wie immer.
Längerfristig: Da denke ich, wird sich viel tun. Menschen werden sich auch aufgrund erhöhter Transparenz durch Web und soziale Medien immer mehr GEGEN Marken entscheiden – ganz bewusst. Weil sie mit deren „Politik“ nicht mehr mitkönnen. Weil sie eine Vielzahl an CSR-Initiativen als Deckmäntelchen fürs Dreckmäntelchen entlarven. Weil sie sich einigen wenigen Mega-Konzernen ausgeliefert fühlen, die Marken in wenigen Händen konzentrieren. Weil sie sich nicht mehr mitschuldig fühlen wollen an Produktionsbedingungen etc. Weil sie einsehen, dass die Welt von Schein und Glanz eben eine Welt von Schein und Glanz ist: http://meedia.de/2015/01/21/zum-heulen-norwegische-afterposten-schickt-mode-blogger-nach-kambodscha-in-textilfabriken
Aber das wird noch dauern. Der Mensch lernt langsam.
Auch wir Markenmacher müssen uns da was überlegen. Klar, wir müssen auch unsere Rechnungen zahlen. Wir lernen auch langsam. Kann also noch was dauern.“

Ralf Tometschek, Gründer und Inhaber von Österreichs 1. Agentur für Internal & Employer Branding IDENTITÄTER®

 

Finden Sie sich darin wieder? Was sind Ihre Erwartungen an das Jahr 2015? Ich freue mich über Kommentare und, wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, übers Teilen. Vielen Dank!

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